Radikal

Durch den Bedeutungsteil oder das sog. Radikal wird dem jeweiligen Kanji ein etwaiger Begriffsinhalt (Bedeutung) gegeben, während der zweite Teil wie gesagt die Aussprache (den Laut) bestimmt. Das Radikal lässt sich am besten noch mit dem Familiennamen vergleichen.

Es besitzt nämlich die Eigenschaft, als Oberbegriff einer Gruppe von mehreren ähnlichen, konkreten (oder abstrakten) Dingen, zu dienen. So wie sich z.B. die Familie Müller aus den Individuen Klaus, Anne, Martin, Iris etc. zusammensetzt, besteht der Grundstoff Metall (金) in Sinne eines Oberbegriffs u.a. aus den Mitgliedern Kupfer (銅), Eisen (鉄), Silber (銀), Blei (鉛) etc.. Wenn wir das erste Kanji (=Mitglied) 銅 heranziehen, so stellen wir fest, dass der linke Teil dieses Schriftzeichens 金 ausmacht, auch wenn es etwas deformiert erscheinen mag. 金 (Metall) steht hier in der Funktion eines Radikals ("Familienname"). Es dient eben dazu, das "individuelle" Kanji 銅 der Sachgruppe 金 zuzuordnen. In ähnlicher Weise werden die anderen "Mitglieder" wie 鉄, 銀 und 鉛 dem Radikal 金 zugeordnet. Sobald wir das Radikal 金 kennen, sind wir theoretisch imstande, ein beliebiges, d.h. uns nicht bekanntes Kanji mit diesem Radikal dieser Sachgruppe zuzuordnen. Tatsächlich haben folgende Kanji immer etwas mit Metall zu tun:
錫 (Zinn), 鉱 (Erz), 銭 (Münze), 針 (Nadel), 釘 (Nagel), 鋼 (Stahl), 鍵(Schlüssel), 鎧 (Rüstung), etc.
Es existieren heute ca. 200 (historisch betrachtet 214) Radikale, die als Oberbegriff einer Sachgruppe dienen und die Suche bzw. das Erlernen der Kanji erleichtern. Hierzu zählen nicht nur konkrete Dinge wie "Erde" 土, "Feuer" 火, "Wasser" 水, "Holz" 木 und dergleichen, sondern auch solche, die entweder selbst ein Abstraktum wie "Kraft" 力, "Herz" 心, "Standpunkt" 立 bedeuten, oder zwar selbst konkret, jedoch zur Wiedergabe von abstrakten Vorgängen und Seins formen dienen. Das Radikal "Mensch" macht z.B. den Bestandteil von solchen Kanji aus, die eher zwischenmenschliche Aktionen wie "dienen", "überreichen", "assistieren", "bitten" etc. wiedergeben und demnach keine fassbaren Dinge symbolisieren. Nachdem wir den Bedeutungsteil des Kanji 銅 (Kupfer) und dessen Hintergrund kennen gelernt haben, wenden wir uns nun seinem Ausspracheteil

Lesung
Die rechte Hälfte des Kanji 銅, nämlich 同, ist als reines Laut-Info zu betrachten und wird "DOO" ausgesprochen. Auch wenn das 同 an sich auch als ein selbständiges Kanji existiert, wird es hier lediglich dazu benutzt, um diesem 銅 einen Laut (sog. Lesung) zu vermitteln. Mit anderen Worten wird das 同 als Lautsprecher missbraucht. So existieren neben 銅 noch weitere Kanji, die alle wegen diesem 同 die Lesung "DOO" haben: 洞, 桐, 恫

Allgemein betrachtet, wurde also bei der Bildung eines jeden Phonogramms a. ein Radikal ausgesucht und b. ein weiteres Kanji hinzugefügt, das von seiner Bedeutung abgekoppelt und als reiner Lautträger eingesetzt wurde.
Geht man von dieser Dualität eines Kanji aus, die sozusagen die Standardform (80%!) darstellt, so wird statistisch gesehen, ein Großteil der Phonogramme (über 50%!) so wie wir bereits bei 銅 gesehen haben, nach dem Prinzip linke Hälfte Radikal und rechte Hälfte Lesung aufgebaut. Die Idealform eines Kanji sieht also so aus:

 Phonogramm  =  Radikal  +  Lesung 

Abweichung (Radikal)
Im Hinblick auf das Radikal lassen sich leider Abweichungen vom oben aufgestellten Idealschema feststellen.
Neben der idealen Gestaltung eines Kanji, wobei das Radikal die rechte Hälfte einnimmt, sind 10 Variationen in
der Praxis bekannt. Im Folgenden wird diese Tatsache schematisch dargestellt. Die als Radikalschema bezeichneten Quadrate stehen für alle Kanji, deren Radikale im schwarz markierten Bereich zu finden sind. Die Kenntnis dieser 11 möglichen Grundstrukturen erleichtert es Ihnen, später ein Ihnen unbekanntes Kanji in einem Kanji-Lexikon zu finden und sollte daher schon jetzt gezeigt werden:

Radikalschema   Radikalbeispiel   Kanjibeispiel   Jap. Bezeichnung
      hen
      tsukuri
      kanmuri od. kashira
      ashi
      tare
      nyō
      kamae
      kamae
      kamae
      kamae
      kamae

Abweichung (Lesung)
Da das Kanji wohlgemerkt einer lebenden Sprache entsprungen ist und nicht ein künstliches Gebilde darstellt, lassen sich zwar viele Kanji durch das hier dargestellte System logisch analysieren. Diese Darstellung über die Theorie des Phonogramms setzt jedoch ideale Bedingungen voraus, die in der Praxis leider nicht immer gegeben sind. So kommen regelmäßig Abweichungen in der Lesung, aber auch in der Platzierung des Radikals und somit in der Gesamtgestaltung des Kanji vor.

Die Abweichung in der Lesung kann wie z.B. beim Kanji 植, das aus dem Radikal 木 und dem Lautteil 直 "choku" besteht, aber warum auch immer "shoku" gelesen wird, geringer Natur sein. Sie kann aber auch so gravierend ausfallen, dass die obige Theorie überhaupt nicht mehr angewendet werden kann.

Das Kanji 鉢 besteht aus dem Radikal 金 und dem Lautteil 本 "hon ", kann aber nur "hachi" oder höchstens "hatsu" gelesen werden. Niemand weiß wohl, wie sich aus dem "hon" ein "hachi" entwickeln kann.

Ein weiteres Problem in puncto Lesung muss hier erwähnt werden. Wie bereits im Abschnitt Allgemeines angedeutet, werden historisch bedingt verschiedene Laute (Lesungen) einem Kanji zugeordnet, und zwar zumeist eine kun-Lesung und oft mehrere on-Lesungen pro Kanji. So besitzt beispielsweise das Kanji 中, das zur Gruppe der Symbolzeichen gehört und "Mitte" bedeutet, die kun-Lesung "naka" und on-Lesung "chū". Das Kanji 国 mit der Bedeutung "Land" wird entweder "kuni" (kun-Lesung) oder "koku" oder "goku" (on-Lesungen) ausgesprochen.

einige weitere Beispiele:

Kanji   on-Lesung(en)   kun-Lesung(en)   Bedeutung
    akagane   Kupfer
    kuchi   Mund
  moku   me   Auge
  san/zan   yama   Berg
  rin   hayashi   Wäldchen, "Hain"
    ue/kami   oben
  ge/ka   shita/shimo   unten